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Expertenmeinung: 3 Fragen an Vassilia Theodorou über die Darm-Hirn-Achse

Expertenmeinung: 3 Fragen an Vassilia Theodorou über die Darm-Hirn-Achse

Vassilia THEODOROU ist Forschungsleiterin in der Abteilung Neuro-Gastroenterologie und Ernährung, INRAe Toxalim, Frankreich.

 

Die Darm-Hirn-Achse ist ein recht neues Konzept, mit dem wir uns in der Humanmedizin allmählich vertraut machen. Könnten Sie das Konzept bitte kurz vorstellen?

Ich stimme Ihnen zu, dass wir in letzter Zeit viel über die Darm-Hirn-Achse sprechen, aber das Konzept ist gar nicht so neu. Wenn man an die Pawlowschen Studien aus dem letzten Jahrhundert denkt, die die Pawlowsche Konditionierung begründeten, hat man es bereits mit der Darm-Hirn-Achse zu tun. Die Darm-Hirn-Achse ist eine integrierte bidirektionale Kommunikation zwischen dem Darm und dem Gehirn durch die Verbindung zwischen dem enterischen Nervensystem in der Darmwand und dem autonomen Nervensystem. Auf diese Weise werden Informationenn vom Darm an das Gehirn und zurück an den Darm übermittelt. Neu an dieser Kommunikation ist die Beteiligung der Darmmikrobiota als neuer Akteur in diesem Dialog, der Signale in der Darmbarriere moduliert, die vom enterischen Nervensystem empfangen werden.

Welche Rolle spielt die Darmmikrobiota bei der Entstehung von Krankheiten beim Menschen? Glauben Sie, dass es bei Nutztieren Ähnlichkeiten gibt?

Die symbiotische Beziehung zwischen der Darmmikrobiota und dem Wirt ist nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Nutztieren vorhanden. Diese Beziehung kann gestört werden, was wir als Dysbiose bezeichnen.1 Dysbiose ist mit Pathogenität verbunden. So führt beispielsweise eine Infektion mit Krankheitserregern oder eine Darmentzündung zu Dysbiose und Krankheit. Auch wenn die Dysbiose bei verschiedenen menschlichen Erkrankungen eng mit der Krankheit verbunden ist, wissen wir noch nicht, was zuerst kommt, die Henne oder das Ei.

Wie beeinflusst Stress die Darmphysiologie ?

Die Auswirkungen von Stress auf die Darmfunktionen sind in der Literatur ausführlich beschrieben. So ist z. B. bekannt, dass Stress die Darmpassage beschleunigt und die Darmmotilität verändert. Zudem stört Stress die Integrität der Darmbarrierefunktion, was zu einer erhöhten Darmdurchlässigkeit, einer veränderten Schleimsekretion und einer Veränderung des mikrobiellen Profils führt. Die Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse aktiviert das adrenerge System und führt zur Ausschüttung von Cathecolaminen durch die Nebennieren, die in einer Kaskade von Ereignissen die verschiedenen Akteure der Darmbarrierefunktion beeinflussen können.

Probiotika können dazu beitragen, die Barrierefunktion zu modulieren und eine Dysbiose des Darms zu verhindern. Sie können nachweislich die Hyperpermeabilität des Darms, die durch Stress oder Entzündungen hervorgerufen wird, verringern. Diese Stärkung der Darmbarriere führt zu einer geringeren Aufnahme von luminalen Stoffen, einer geringeren Aktivierung des Schleimhautimmunsystems und folglich zu einer geringeren Nervenaktivierung.

 

1 Dysbiose ist definiert als ein «Ungleichgewicht» in der mikrobiellen Gemeinschaft des Darms, das mit Krankheiten in Verbindung gebracht wird. Dieses Ungleichgewicht könnte auf die Zunahme oder den Verlust von Mitgliedern der Gemeinschaft oder auf Veränderungen der relativen Häufigkeit von Mikroben zurückzuführen sein. (aus Messer et al., Physiology of the Gastrointestinal Tract (Sixth Edition), 2018)

Veröffentlicht Dec 14, 2021 | Aktualisiert May 31, 2023

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